Museum

Wir befinden uns ab 26. Oktober in
der Winterpause!

MI-SO (inkl. Feiertage) 10–16 UHR

EINTRITTSPREISE
Ticket € 7,–
Ticket ermäßigt, € 5,–
(Senioren, Menschen mit Behinderung,Studierende bis 27 Jahre,Präsenz-/Zivildiener)
Gruppen ab 10 Personen € 5,–
Führung ab 10 Personen, á € 3,-
Kinder bis 18 Jahre € 3,–

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"Schauerliche" Schubertiade: Gerichtsmediziner Christian Reiter faszinierte mit Schuberts letzten Geheimnissen in Atzenbrugg

Bei hochsommerlichen Temperaturen huschte dem Publikum im Schubert Schloss Atzenbrugg so manch kühler Schauer über den Rücken. Dafür sorgte nicht nur Franz Schuberts ergreifende Musik, sondern vor allem Prof. Dr. Christian Reiter, der mit forensischer Präzision und feinem Humor den letzten Lebensjahren des Komponisten nachspürte. Gemeinsam mit Schubertiaden-Intendantin KS Ildikó Raimondi und der vielfach ausgezeichneten Cellistin und Pianistin Ania Druml gestaltete er einen ebenso berührenden wie faszinierenden Nachmittag unter dem Titel „Von Liebe und Vergänglichkeit“.

Die von Ildikó Raimondi kuratierte Veranstaltung verband Musik, Wissenschaft und Biografie zu einer außergewöhnlichen Zeitreise. Dabei zeigte sich die charismatische Intendantin von einer neuen Seite. Als Ania Druml das berührende „Nacht und
Träume“ in einer Bearbeitung für Cello und Klavier interpretierte, setzte sich Raimondi kurzerhand selbst ans Klavier. „Ich spiele nicht besonders gut, aber mit Leidenschaft“, bemerkte sie lachend gegenüber dem Publikum – um anschließend mit großer Musikalität und sichtbarer Freude zu begleiten.

Von Syphilis, Sehnsucht und Quecksilber in Schuberts Locke

Im Mittelpunkt des Nachmittags stand jedoch die Frage, wie viel wir heute tatsächlich über Franz Schubert wissen. Christian Reiter, ehemaliger stellvertretender Leiter des Zentrums für Gerichtsmedizin der Medizinischen Universität Wien, führte das
Publikum anhand historischer Quellen, medizinischer Erkenntnisse und eigener Forschungen durch die letzten Lebensjahre des Komponisten. Besonders faszinierend: Reiter untersuchte auch Haarlocken Schuberts, von denen sich eine im Museum des Schubert Schlosses Atzenbrugg befindet.

Dabei zeichnete der Gerichtsmediziner das Bild eines hochsensiblen Künstlers, dessen Leben von Gegensätzen geprägt war: überschwängliche Lebensfreude und tiefe Melancholie, produktiver Schaffensrausch und körperlicher Verfall, intensive Freundschaften und existenzielle Einsamkeit. Reiter machte deutlich, dass viele Gewissheiten über Schuberts Krankheit und Tod bis heute kritisch hinterfragt werden müssen. Zwar sprechen zahlreiche Indizien für eine Syphiliserkrankung, doch manche populären Annahmen halten einer modernen Analyse nicht zur Gänze stand. Schuberts Tod war schlussendlich auf die Schwächung durch die bei Syphilis damals gängigen Quecksilberbehandlung und verseuchtem Wasser aus dem Hausbrunnen zurückzuführen. Gleichzeitig zeigte er auf, dass Schuberts Kreativität selbst in den von Krankheit überschatteten Jahren ungebrochen blieb. Gerade in dieser Zeit entstanden Werke von erschütternder Tiefe, die bis heute Menschen auf der ganzen Welt bewegen.

Den musikalischen Rahmen bildeten ausgewählte Lieder und Kompositionen Schuberts, darunter „An den Mond“, „Der Musensohn“, „Mio ben ricordati“, „Der Lindenbaum“, „Der Atlas“ und „Der Leiermann“. Mit ihrer unverwechselbaren Ausdruckskraft verlieh Ildikó Raimondi den Liedern emotionale Tiefe und Witz, während Ania Druml am Klavier für musikalische Glanzpunkte sorgte. „Heute fühle ich mich besonders sicher und gut aufgehoben“, scherzte Raimondi mit Blick in den Zuschauerraum, wo Brigadier Johann Golob, der langjährige Leiter der Pressestelle der Wiener Polizei, gemeinsam mit seiner Ehefrau Rosa Platz genommen hatte.

Das Publikum dankte den Mitwirkenden mit langanhaltendem Applaus. Die gelungene Verbindung von Wissenschaft, Musik und Reiters spannender Erzählung zeigte einmal mehr, wie lebendig und vielfältig die Schubertiaden im Schubert Schloss Atzenbrugg heute sind – ganz im Geist jener legendären Zusammenkünfte, die Franz Schubert hier vor mehr als 200 Jahren mit seinem Freundeskreis erlebte.